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Foto: Collage eines äthiopischen Mannes vor einem Garten

Ein Mitarbeiter des lokalen Büros für Arbeit und soziale Angelegenheiten führt uns zu Sabir Ahmeds Stand auf dem riesigen, trubeligen Montagsmarkt in Bati. Unter Äthiopien-Reisenden gilt der Markt als eine Attraktion, denn hier treffen sich Menschen der ethnischen Gruppen der Afar, Oromo und Amhara zum Handeln.

Ahmeds Stand ist provisorisch aus blauen Planen errichtet, die vor der sengenden Sonne schützen. Hier sitzt der Enddreißiger in mitten seiner Waren - gebrauchter Schuhe und Kleidung – und begrüßt uns mit einem herzlichen Lachen. Nach der Vorstellung erklärt sich Ahmed bereit, mit uns über seine Fluchterfahrungen zu sprechen. Allerdings nicht hier auf dem Markt und nicht während seiner Geschäftszeiten. Wir verabreden uns für den Nachmittag. Einige Stunden später treffen wir Ahmed wieder und fahren mit ihm in ein Café außerhalb Batis.

Hier nehmen wir im gepflegten Außenbereich Platz. Während der Vorbereitung betrachte ich den Mann. Er ist auffallend klein, trägt ein gemustertes Tuch um den Hals. Sein Lächeln ist freundlich und unterstreicht seine ruhige Art. Ahmed nimmt einen Schluck von seiner Cola und beginnt über sich zu erzählen. Er wurde in der Nähe von Bati geboren. Sein aktuelles Leben schildert er so: „Montags verkaufe ich auf dem Markt in Bati. Ansonsten verkaufe ich rund um die Busstation.“ Allerdings laufen die Geschäfte schlecht, er verkauft nicht viel. Seit einem Jahr betreibt er sein Geschäft mit gebrauchten Waren. „Diese kauft ich auf dem Markt, manchmal verkaufe ich auch in Kundenauftrag auf Kreditbasis.“ Zuvor hat er als Sicherheitsmann für Franzosen und Somalier in Djibuti gearbeitet. „Sechs Jahre war ich dort. Dann kehrte ich aufgrund medizinischer Probleme mit meinen Nieren zurück.“ Heute leben er und seine Familie mit seinem Bruder. „Meine Familie besteht aus meiner Frau, meiner Tochter und meinen beiden Söhnen.“ Seine Frau, eine Äthiopierin, hat er in Djibuti kennen gelernt. Dort wurde auch der ältere Sohn geboren. „Mein kleiner Sohn ist vor ein paar Monaten hier in Äthiopien geboren.“ Die zwölfjährige Tochter stammt aus der ersten Ehe. Bevor er nach Djibuti ging, war er verheiratet. „Ich verkaufte Schuhe. Das Geschäft lief gut und meine Familie hatte ein gutes Leben. Dann kam die Scheidung und das Geschäft lief schlecht.“ Als Ausweg bliebt der Sicherheitsjob in Djibuti. „Nach Djibuti zu gehen war leicht. Ich spreche Somali und Afar, daher brauchte ich kein Visum.“

Doch Djibuti war nicht die einzige Auslandserfahrung von Ahmed. „2003 ging ich auf der Suche nach Arbeit illegal nach Saudi-Arabien. Denn ein saudisches Visum war für mich auf formellem Weg zu teuer.“ Wie viele hatte Ahmed die Schule bereits nach der sechsten Klasse verlassen, seine berufliche Perspektive in Äthiopien war schlecht. „4.000 Äthiopische Birr musste ich an die Schleuser zahlen. Ein Vermögen zur damaligen Zeit.“ Ein Vermögen, dass er von einem Verwandten erhielt, für den er sieben Jahre als Hilfskraft arbeitet. Zu viert, drei Flüchtende und ein Guide, brachen sie in Bati auf. „Als Verpflegung hatte ich Trockenessen und einen Wasserschlauch dabei.“ Von Bati ging es über Harar nach Jigjiga. Entlang der Strecke stießen mehr und mehr Menschen zur Gruppe dazu. „In Nord-Somalia reisten wir in die Hafenstadt Berbera. Von dort ging es nach Bosaso.“ In Bosaso warteten sie auf weitere Migranten. „Schlussendlich waren wir 120 Personen, die über das rote Meer Richtung Süd-Jemen aufbrachen.“ Somalier organisierten das Boot. „Die Überfahrt dauert 4-5 Tage. Auf dem Boot waren wir ohne Essen und Trinken.“ Es war sehr sonnig auf dem Boot. „Die Leute an Boot sprachen arabisch, wir bettelten um Essen, aber vergeblich.“ „Wir saßen dicht an dicht. So,“ er zeigt uns die Sitzposition. Die Beine eng an die Brust angewinkelt. „Nach der Zeit auf dem Boot war ich nicht in der Lage, zu stehen. Meine Beine waren ganz taub.“ Vor der Küste des Jemen wurden 47 Personen ins Wasser geworfen. Drei Menschen starben, Ahmed rettete zwei Frauen vor dem Ertrinken und half ihnen an Land. „Im Jemen angekommen, reisten wir per Anhalter und zu Fuß.“ Acht Tage dauerte es für die Gruppe den Jemen durchqueren. „Damals waren die Leute im Jemen nett, sie gaben uns auch etwas Essen. Heute gibt es andere Berichte.“ Bei Najran überquerten sie die Grenze zu Saudi-Arabien und waren am Ziel ihrer Reise. Doch nicht für lange. „Nach einem Monat in Saudi-Arabien wurden wir von der Polizei aufgegriffen, nach Jizan gebracht und nach Addis Abeba ausgeflogen.“ Diese Erzählungen stehen in einem starken Kontrast zu dem Ort an dem wir das Gespräch führen. Das Café am Stadtrand gleicht einer grünen, ruhigen Oase. Ahmeds Erzählweise passt gut hierher. Er spricht sehr gestenreich, unterstreicht Aussagen oft mit einem Schnippen, bleibt aber sehr ruhig und lacht viel.

Rückschauend beschreibt Ahmed Erlebnisse aus Somalia als schlimmste Erinnerung. „Wir wurden geschlagen. All unser Kleider wurde uns hinter Hargeisa weggenommen. Wir schützen die Frauen vor Vergewaltigungen.“ Dies hat sich tief in seinen Kopf eingebrannt. „Immer wenn ich einen Fluss sehe, kommt die Erinnerung zurück.“ An dieser Stelle werden die Gesten des Mannes ausdrucksvoller und sein Blick verdunkelt sich ein wenig. Doch nur kurz, dann berichtet er von seinen Aufklärungsaktivitäten.

Ahmed nimmt an den von Kelem organisierten Gesprächsrunden teil und möchte Jugendliche und vor allem deren soziales Umfeld über die Risiken einer Flucht aufklären. „Denn oft fungieren die Familie als ‚push-faktor‘, um nach Übersee zu gehen. Dann heißt es: ‚Sieh mal die anderen. Sie gingen und unterstützen ihre Familien.‘“ Bei seinem Engagement trifft er auf verschiedenste Reaktionen. Es gibt Menschen wie ihn, die flüchteten und auch litten, es gibt Menschen, die verstehen, was er sagt, und „es gibt Menschen, die argumentieren, dass es besser ist, etwas zu versuchen, als in Äthiopien zu sterben.“ Dieses Argument ist aus seiner Sicht falsch. „Denn die verfügbaren Jobs im Ausland sind einfache Tätigkeiten. Kamele hüten und Landwirtschaft - Hilfstätigkeiten wie zuhause.“ Nur wenn die Bildungssituation in Äthiopien verbessert wird, können wirkliche Zukunftsperspektiven für Jugendliche geschaffen werden. Ahmed beschreibt seine Motivation so: „Das Vaterland aus Verzweiflung zu verlassen, sollte nie eine Option sein. Ich möchte meine eigenen Kinder beschützen. Sie sollen nicht dieselben Fehler machen wie ich.“

Weitere Links zum Thema:
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Zerstörte Felder und hoffnungslose Gesichter

 


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